Sonderling in der Gesellschaft
Kindern mit Handicaps wie Konzentrations-, Seh-, Hör- oder Schreibschwäche stehen ausreichend Angebote für besondere Lernmethoden zur Verfügung. Das ist gut so. Doch was ist mit den Kindern, die erstaunliche Leistungen vollbringen und ebenso dringend eine individuelle Förderung benötigen?
Jasmin ist vier Jahre alt. Sie geht in den Kindergarten und kann schon lesen. Am liebsten liest sie ihren Spielgefährten Kinderbücher vor. Doch das geht nicht so leicht. Denn die Bücher sind im Schrank eingeschlossen und werden nur heraus geholt, wenn die Kindergärtnerin gute Laune hat. Manchmal hat sie auch schlechte Laune. Dann will sie den Kindern selbst etwas vorlesen. Jasmin wird für ihre vorlaute Art bestraft. Sie muss in der Ecke stehen.
Heute ist Jasmin 22 Jahre alt und hat ihr Studium der Germanistik abgebrochen, weil ihre Kommilitonen „so gescheit tun und sich einbilden, sie müssten sich deshalb laufend in den Vordergrund spielen“. Da kann Jasmin natürlich nicht mithalten. Denn sie hat gelernt, ihre Ideen, ihr Wissen und ihre mündlichen Beiträge im Unterricht zurück zu halten. Nur wenn keiner auf die Lösung kommt, meldet sie sich zu Wort. Denn wenn sie etwas Unproduktives sagen würde, würde sie sich in Grund und Boden schämen.
Irgendwie durch lavieren
Doch Jasmin wird nicht aufgeben: Sie hat eine Geschäftsidee, die sie mit einer Komilitonin, „die ganz tough ist“, selbstständig realisieren will. Adieu Uni, wir beide passen nicht zusammen.
Jasmin hat von vornherein nicht in die normale Schulerziehung gepasst. Es gab keine Angebote für Früh- und Hochbegabte weit und breit. Jasmins Hochbegabung kann vom heutigen Standpunkt als Hindernis für ihre charakterliche Entwicklung gewertet werden. Heute hat sich die Angebotspalette nur marginal erhöht. Deswegen müssen Lehrer damit rechnen, dass es unentdeckte Hochbegabte in ihren Schulklassen gibt. Oft äußert sich der für Hochbegabte zu langsame Unterrichtsstil in Störmanövern; der Klassenclown clownt dann wegen Unterforderung. Auch Kinder mit Aufmerksamkeitsdefiziten sind manchmal unerkannte Talente.
Doch wie können Pädagogen und Eltern überhaupt heraus finden, ob ihr Schüler/ihr Kind früh- oder hochbegabt ist? Weil es zuwenig schläft? Oder weil es ein ausgeprägtes Mitgefühl gegenüber Klassenkameraden hat? Oder etwa, weil es ältere Mitschüler bevorzugt?
Einen sehr nützlichen Leitfaden bietet der Ratgeber „Hochbegabte erkennen und begleiten“. Die Autorin Monika Jost erläutert übersichtlich das Thema der überdurchschnittlichen bis höchsten Begabung und widmet sich in einem eigenen Kapitel ausführlich der Erkennung von besonders begabten Kindern. Sie geht auf die psychosoziale Situation der Kinder ein und auf die Schwierigkeit, adäquate Spielkameraden zu finden. Deutschlandweit hat Jost Anlaufstellen recherchiert, die sie am Ende des Buches mit ausführlichen Erläuterungen darstellt. Das Buch ist als Standardwerk für alle angehenden und praktizierenden Pädagogen und natürlich für betroffene oder interessierte Eltern zu empfehlen.
Monika Jost, Hochbegabte erkennen und begleiten, UniversumVerlag, ISBN 3-89869-151-9, 19,45 Euro.
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